Gerd Rische gewidmet
DIE LYRA DES ÄOLUS
Kein Instrument ist sie und auch keine Skulptur.
Ungern liegt sie in den Armen des Gauklers; sie duldet es keineswegs, im Getöse der Märkte zur
Schau gestellt zu werden.
Lausche ihrem vielgestaltigen Ton nur, wenn kein anderer es tut: Die Öffentlichkeit strengt sie an.
Du kannst sie mit dem Bogen der Violine spielen, aber berühre sie sanft und nur mit einem Teil
der Bogenhaare. Besser noch: Nimm ein einzelnes Haar und streiche transversal die metallenen
Stäbe im unteren Teil - aufmerksam, aber mit wechselnder Geschwindigkeit, wechselhaft wie die
Rhythmen der Natur - dann wirst Du mit einem geschliffenen Ton entlohnt, der den Duft ferner
Länder verheißt.
Eine leichte Brise genügt, um in ihr Geheimnis eingeweiht zu werden; jegliche Gewalt macht sie
wütend: Schlag' sie und sie wird Dir antworten mit dem banalen Glockengeläut, welches die
Feiertage des anständigen Bürgers oder seine üppigen Mahlzeiten ankündigt.
Solltest Du so wahnsinnig sein, ihr eine Musik entlocken zu wollen, wirst Du nichts anderes
erreichen, als das Rauschen des Meeres und das Atmen des Windes. Wie Du weißt, ist es uns
nicht gegeben, dieses Strömen zu unterbrechen...
Mario Bertoncini, 19 Januar 1990